Raumbesitz
Betritt man einen Raum, erhebt man in jenem Moment Anspruch auf Besitz.
Wie oft richtet sich die Wahrnehmung auf das ganz eigene Lebenstheater, mit dem man, dicht an sich gepackt, umherzieht und die vielen Bühnen des Geschehens bespielt.
Ohne über Besitzverhältnisse staatlicher oder privater Art zu sprechen, zweifelt man die Formulierung nicht an, wenn man von meinem Tisch im Café, der eigenen Aussichtsbank im Park, unserer Brücke am Fluss, unserem Baum oder seiner Schaukel erzählt.
Dinge sind so viel einfacher handzuhaben, wenn man sie benennt. Und diese Dinge wiederum sind in Wahrheit gewählte Fokusse des persönlichen Erlebens, die man wählt, weil man instinktiv nach materiellen Zeugen sucht, um einen Moment festzuhalten.
Wie manifestiert sich ein Moment?
Ist es die durch die Räumlichkeit geformte Wahrnehmung? Oder der durch die Wahrnehmung aufgeladene Raum? Oder beides gleichzeitig?
Ist Zeitwahrnehmung ortsgebunden? Ist Raumerfahrung zeitgebunden?
Ist es das immer goldener werdende vertraute Licht, das durch das Laub der rostroten Buchen scheint, während ich in Gedanken versunken, auf meine Handflächen gestützt nach vorn gelehnt, auf der alten Holzbank sitze und mit den Fingerkuppen über die Holzmaserung fahre, mir dabei, den kühlen Wind im Nacken, überlege, wie die Witterung die Struktur der Holzlatten über Jahre hinweg geprägt haben muss. Und wie viele Besucher schon über die gleichen Hügel, über neue und alte Hausdächer geblickt haben und manche von ihnen, aus welchen Gründen auch immer, sich dafür entschieden haben, die Prägung selbst zu bestimmen und ihre Präsenz und den ganz eigenen Moment im Holz einzugravieren. Ich merke, wie nun mein Fingernagel, senkrecht auf die Sitzfläche gedrückt, wiederholt versucht, Präsenz zu markieren, und eine winzige Kerbe schafft.
Mich wieder aus den Bildern der vielen fiktiven Bankgeschichten losreissend, widme ich mich meinem Nebenan. Er scheint etwas früher aus dem melancholischen Exkurs aufgetaucht zu sein und schaut mich an. Wir lächeln über die Erinnerungen an den vergangenen Sommer, fast schon das Salz in der Luft riechend, und geniessen den Moment auf unserer Bank.
Ich erinnere mich gerne an jenen Abend auf der Bank, von wo aus man in die Weite blicken und gleichzeitig in den nächsten Gedanken schwelgen kann.
Genauso, wie Bilder und Emotionen in Gedanken überlagert werden, wird Raum von Geschichten überlagert, jede im Moment, in dem sie erzählt wird, die eigene Berechtigung in Anspruch nehmend.
Ich schaue den zwei Damen, die vor mir sitzen, über die Schulter, als könnten ihre sprechenden Hände und die neben den Kaffeetassen liegende Agenda verraten, wovon der Dialog handelt.
Interessant, dass an gewissen Orten, wie in Cafés, Trams und Badeanstalten, ein unmittelbares Nebeneinander geduldet wird, während mit der Kamera Nähe eine ganz andere Dimension erhält. Die Omnipräsenz der Smartphones und deren weitreichende Auswirkungen hingegen sind, gewollt oder nicht, global anerkannt. Zufällig wahrnehmen, hinschauen, gar anstarren sowie zuhören und lauschen darf man, wenn der andere es nicht direkt bemerkt oder ignoriert und seinen eigenen Filter konstruiert. Etwas müde, mich wiederholt für die Präsenz der Linse erklären zu müssen, geniesse ich meine Unauffälligkeit hinter den Rücken der beiden Frauen. Die eben ausgelöste Kamera steht direkt zu meiner Rechten. Durch die Glasscheibe, die unsere zwei Tische trennt, betrachte ich das gefilterte Schauspiel, während meine Gedanken versuchen, eine Tonspur zu komponieren.
Während ich auf die nächsten Moment-Besetzer warte, schweifen meine Gedanken wieder zu meiner Bank zurück, die ich gerade eben besucht habe. Unserer Bank?
Viele Erinnerungen, viele Stimmungsverfassungen haften auf den dunkelgrünen Holzlatten. Oft war ich auch allein da. Mit einem Buch, einem Bier, mit tausend Gedanken überladen, nach Ruhe suchend oder völlig leer die Umgebung aufsaugend. Ich habe erzählt, geträumt, Tränen gelacht, nicht gelacht.
Die Sequenzen im Kopf im Schnelldurchlauf durchspielend, gelange ich erneut zur Definition des Moments und frage mich, ob es denn eher Erinnerungen sind, die man sich in eine Form von Gegenständlichkeit verpackt, um mit ihnen jonglieren, sie verewigen zu können.
Orte sind Erinnerungsträger. Und die Bilder repräsentieren sie.
Instinktiv rücke ich mein Glas Wein in das Bildfeld meiner Kamera. Vor mich haben sich zwei andere Freundinnen hingesetzt und stossen mit zwei Gläsern Sekt an.
Ich stelle mir vor, wie wohl die Überlagerung der Gesichter auf dem Filmstreifen ausfallen wird, und spinne das Gedankenspiel weiter auf alle Tischbesitzer, die zu Lebzeiten des Cafés an diesem Ort verweilt haben müssen. Die Erfahrungscollage lässt mich an immer wiederkehrende Architekturdiskussionen zurückdenken, bei welchen darüber sinniert wurde, ob heilige Orte existieren. Oder ob Architektur mit Geschichte aufgeladen wird.
Bereits von der Komplexität der Komposition und der Bedeutung von Mehrfachbelichtungen gefordert, belasse ich meinen Gedankendiskurs beim angenehmen Gefühl, dass dies wohl so sein muss oder zumindest schöne Bilder ergibt.